Marina Davydovas „Museum“ wird vor unseren Augen lebendig, erfüllt von den Stimmen vergangener Jahrhunderte, den Stimmen eines riesigen Reiches, das sich einst UdSSR nannte. Es problematisiert alle nationalen Mythen, alle Ideologien und alle Versuche, die menschliche Persönlichkeit in das zu schmale Bett historischer Diskurse zu pressen.
Sprache: Englisch mit deutscher Übersetzung über Kopfhörer sowie Russisch mit deutschen und englischen Übertiteln
6.6. im Anschluss: Snalks und Hangout auf der Dachterrasse der Bundeskunsthalle mit dem IMPULSE CONNECTIV.
Tickets für alle Impulse-Veranstaltungen sind auch über unseren Ticketshop erhältlich.
„Es gibt nur eine Karte!“, tönt aus es einem Lautsprecher. „Nein, es gibt viele“ – eine andere Stimme widerspricht sofort. In jedem der Räume dieses fiktiven Museums werden sehr unterschiedliche Versionen ein und derselben historischen Ereignisse präsentiert. Und manchmal werden diese verschiedenen Versionen in ein und demselben Raum angeboten – im zweiten Kapitel der Inszenierung findet sich das Publikum inmitten eines Konflikts fünf ehemaliger Sowjetrepubliken wieder: Ukraine, Belarus, Georgien, Aserbaidschan und Armenien werfen mit unvereinbaren Deutungen der gemeinsamen Geschichte um sich.
„Ich habe mich schon immer für das performative Potenzial von Museumsräumen interessiert“, sagt Davydova, „ich habe mir vorgestellt, wie die Objekte plötzlich zum Leben erwachen, wie die Stimmen von einst durch die Museumssäle hallen und miteinander streiten und wie die Besucher*innen unwissentlich zu ihren Gesprächspartner*innen werden“.
Die einzige Darstellerin im Stück – entweder eine zufällige Museumsbesucherin oder ein Gespenst – schweigt anfangs, nur gelegentlich führt sie die Befehle der Stimmen aus. Erst im letzten Fünftel des Stücks findet sie plötzlich zu ihrer eigenen Stimme. Ihr Schlussmonolog ist ein historiosophisches Bekenntnis der Autorin des „Museums“, die zweimal ihre Heimat verloren hat und sich mit der Vergangenheit ihres Landes und ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzt.
Nicht abstrakte Geschichtsdiskurse oder nationale Mythen, sondern allein die Erfahrung des Individuums, so argumentiert die Protagonistin, ist das wahre Maß der Geschichte.
„Marina Davydova macht die Vergangenheit selbstreflektiert, düster und schonungslos lebendig. Besucherinnen und Besucher sind Teil des Stücks, Teil der Kulisse, Teil der Geschichte. Ein Besuch in einem ‚Museum‘, der sich lohnt.“ Eva Sager, Wiener Zeitung
Konzept, Text, Regie: Marina Davydova
Bühnenbild: Zinovy Margolin
Mit: Marina Weis, Chulpan Khamatova
Stimmen: Odin Biron (Episode I EMPIRE), Jamal Ali, Luka Kalandadze, Igor Shugaleev, Gurgen Tsaturyan (Episode II NATIONS), Jamal Ali, Odin Biron, Marina Davydova, Boris Falikov, Luka Kalandadze, Alexey Kokhanov, Elizaveta Petrova, Farrukh Pirov, Igor Shugaleev, Gurgen Tsaturyan, Ekaterina Voronova (Episode IV PEOPLE)
Musik: Vladimir Rannev
Technische Leitung: Roman Streuselberger
Video: Oleg Mikhailov
Videotechnik: Mikhail Ivanov
Licht und Ton: Iurii Galkin
Bühnentechnik: Bodo Hermann, César Martins
Übersetzung: Sergei Ostrovsky, Sonia Ostrovsky (Englisch), Yvonne Griesel (Deutsch) Produktionsleitung, Regieassistenz und
Übertitelung: Ekaterina Voronova
Choreografie: Anna Abalikhina
Mitarbeit Choreografie: Sonya Levin, Anna Abalikhina
Recherche: Mikhail Kaluzhsky
Bühnenbau: SC ART DECO SRL, Wiener Werkstätten
Requisite: Daria Artemova
Assistenz Requisite: Vera Liulko
Design: Jürgen Fehrmann, Gea Gosse
Kostüme: Marcus Barros Cardoso, Vera Liulko, Aleix Llusa Lopez
Technische Leitung Touring: Patrick Tucholski (HAU Hebbel am Ufer)
Produktionsleitung und Tourmanagement / Kontakt für Gastspielanfragen: Elisabeth Knauf (HAU Hebbel am Ufer
Ein Auftragswerk von HAU Hebbel am Ufer, Berlin. Eine Produktion von HAU Hebbel am Ufer, Berlin, Wiener Festwochen in Koproduktion mit Theater Freiburg.
Marina Davydova ist Theaterkritikerin, Theaterregisseurin, Dramatikerin und Produzentin. Als Theaterkritikerin schrieb sie für die Zeitung „Izvestia“, bis März 2022 war sie Chefredakteurin der Zeitschrift „TEATR“. Regelmäßig verfasst Davydova Beiträge für „Theater heute”. Sie erhielt zahlreiche Preise, u. a. 2005 den Stanislawski-Preis für die beste Buchpublikation. 1998 war Davydova Mitinitiatorin des Festivals NET (New European Theatre) in Moskau, dessen künstlerische Leitung sie 23 Jahre lang innehatte. Ihre Produktionen „Eternal Russia“, eine Auftragsarbeit von HAU Hebbel am Ufer, und „Checkpoint Woodstock“ sowie ihr Stück „Trance“ wurden in Deutschland uraufgeführt und tourten international. „Eternal Russia“ erhielt einen Spezialpreis der internationalen Jury des Theaterfestivals BITEF-2018, Belgrad. 2016 war Davydova Kuratorin des Schauspielprogramms der Wiener Festwochen, mit der Saison 2024 hat sie die Schauspielleitung der Salzburger Festspiele übernommen. Als offene Opponentin des Kriegs Russlands gegen die Ukraine wurde sie gezwungen, Russland zu verlassen. Seitdem lebt sie in Berlin.
Chulpan Khamatova studierte Schauspiel in Moskau und London. Von 1998 bis 2022 festes Engagement am Moskauer Sovremennik-Theater, Gastauftritte im Theater der Nationen und im Gogol Center. Zusammenarbeit mit Alvis Hermanis, Thomas Ostermeier, Robert Lepage, Rimas Tuminas, Kirill Serebrennikov u. a. Durch ihre Filmarbeit kam Khamatova in Kontakt mit der deutschen Filmszene. Seit 1999 arbeitet sie für Kino- und Fernsehproduktionen auch häufig in Deutschland. Ihr international erfolgreichster Film war „Good Bye, Lenin!“ (2003). Bis heute hat Khamatova mehr als 70 Rollen in russischen und europäischen Filmproduktionen übernommen. Seit 2005 engagiert sie sich für Kinder mit onkologischen und hämatologischen Erkrankungen. 2006 hat sie die Stiftung „Podari Zhizn“ mitgegründet. Seitdem wurden von der Stiftung mehr als 73.000 Kinder betreut. Im Februar 2022 unterzeichnete sie einen Appell gegen den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine. Kurz darauf war sie gezwungen, Russland zu verlassen. Seither lebt sie in Lettland, wo sie als Schauspielerin des Neuen Rigaer Theaters tätig ist.